Versuchskaninchen & Die Komplexität, die niemand ankündigt

Versuchskaninchen & Die Komplexität, die niemand ankündigt

Ich komme gerade aus der Praxis.

Dreiviertel Jahr. Noch immer kein Medikament, das wirklich passt.

Ich hatte mir das anders vorgestellt. Eine Tablette – und dann läuft es. Startklar. Konzentriert. Endlich.

Ist nicht so gelaufen.

Stattdessen: Rebound. Gereiztheit. Schlechter Schlaf. Beim Klettern plötzlich unsicher in Routen, die ich sonst im Schlaf klettere. Und nach jeder Tablette die Frage: War das jetzt das Medikament – oder bin ich das?

Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist nicht die Wirkung.

Es ist die Komplexität, die vorher niemand erwähnt hat.

Schlaf beeinflusst die Wirkung. Sport auch. Essen. Stress. Tageszeit. Die Liste wird länger, je mehr ich hinschaue. Und alle vier Wochen eine neue Vorgehensweise – was das mit dem Körper macht, will ich gar nicht zu Ende denken.

Dazu kommt etwas, das schwer zu erklären ist:

Ich habe bis zur Diagnose Strategien entwickelt. Bewusst und unbewusst. Jahrelang. Diese Strategien machen die Einordnung jetzt schwierig – an manchen Tagen fast unmöglich. Ich weiß nicht mehr, was von mir kommt und was vom Medikament.

Irgendwo in mir kommt die Frage immer wieder:

Lasse ich das einfach. Verfeinere meine eigenen Strategien weiter. Lebe damit.

Ich habe keine Antwort darauf.

Was ich habe, ist ein Arzt, der ehrlich mit mir ist. Der sagt, was er weiß – und was er nicht weiß. Das ist mehr wert, als es klingt.

Und der mir sagt: Wenn sich in meinem Berufsweg etwas verändert, fangen wir wieder von vorne an.

Na super.

Kopf nicht hängen lassen, sagt man dann. Am Ball bleiben.

Ich lasse ihn nicht hängen. Ich bleibe dran.

Aber ich schreibe das hier auf, damit es irgendwo steht:

Es ist komplexer als gedacht. Und das ist okay, aber es darf auch einfach mal so benannt werden.

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